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Dörfli

Es ist Lockdown 2.0. Seit Anfangs Dezember herrscht Abends zwinglianische Ruhe in Zürich, seit Weihnachten ist eh alles zu. Wie schon im letzten Frühjahr mache ich mich auf, einen typischen Freitagabend in Zürich einzufangen.

Die Stimmung ist gruselig. Nach diversen Ausschreitungen um den Bahnhof Stadelhofen ist alles verrammelt, im Niederdorf finden sich ausschliesslich Grüppchen von Anfangszwanzigern, welche mit viel Alkohol und Testosteron eine unglaublich aggressive Stimmung verbreiten. Ich werde mehrfach angesprochen, angemacht und verbal angegriffen, wenigstens bleiben körperliche Angriffe aus - es war eine gute Idee, in Jeans und T-Shirt auf die Strasse zu gehen. Die Kamera versorge ich so gut es geht unter der Jacke und fange Impressionen nur da ein, wo mich niemand beobachtet.

Das letzte mal hatte ich dieses Gefühl in Manhattan, etwa ab der 140st Strasse nordwärts, als mich zwei Dutzend dunkle Augepaare plötzlich musterten. Es in „meiner“ Stadt zu haben stimmt mich nachdenklich, traurig und wütend.

Vor einem Jahr ging ich nach meinem bisher letzten Tanzabend zur selben Zeit denselben Weg. Es herrschte Leben, die Menschen waren auf den Strassen, genossen den Abend. Ein wildes Mischmasch, von Glatzköpfen bis zu Regenbogenmenschen, welche zwar feierten, aber sich auch gegenseitig in Ruhe liessen, sich im Schach hielten. Ich erinnere mich gut an ein Päärchen, vielleicht gegen die 80, schick angezogen, sichtlich auf dem Heimweg von einem Konzert. Sie waren vielleicht etwas wackelig auf den Beinen, aber gut gelaunt und ohne Angst. Jetzt schützen wir sie zwar vor dem Virus, machen aber gleichzeitig ihr Leben kaputt.

Die Stapo schützt vor allem den Bahnhof, vielleicht 20 Polizisten tummeln in der Haupthalle, kümmert sich um Jugendliche ohne Masken. Ich gehe weiter zur Langstrasse, zurück in „mein“ Quartiert. Es ist rauh hier, aber das war es schon immer. Der 24-Stunden-Shop und ein paar Take Aways sorgen für grosse Menschentrauben, etwa 20, 30 Mädchen schaffen an und sehen in mir einen potentiellen Kunden. Aber irgendwie funktioniert hier (noch) die soziale Kontrolle, jeder weiss, was er darf und was er besser sein lässt - auch wenn das bei ganz vielen hier etwas anderes ist, als unsere Landesmütter und -väter sich ausgedacht haben.

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