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Nachbarschaft

Eine italienische Altstadtgasse bietet weniger Privatsphäre als ein Facebook Account. Es war das einzige Foto von zwei Tagen Italien, mir war schlicht der Temperaturunterschied zu gross und ich schwankte die Tage zwischen Migräne und tiefer Schlappheit.

Meine Nachbarn kamen kurz nach elf nach Hause, nahmen nacheinander eine Dusche, bumsten, legten sich schlafen. Vielleicht zwanzig Minuten, nahezu wortlos, ausser dem laufenden Wasser und einem rhythmischen klatsch, klatsch, klatsch danach keine weiteren Geräusche der Lust oder Hingabe. Um halb sieben waren sie bereits wieder auf und knatschten mit ihren Kindern.

Ich hoffe er hat etwas Gleitmittel benutzt, so blieben wenigstens die physischen Verletzungen aus. Die Seelischen lassen sich damit aber auch nicht vermeiden. Sexualität mag einen wichtigen Bestandteil einer Beziehung sein, vielleicht sogar der Wichtigste überhaupt. Aber so?

Kürzlich hatte ich eine interessante Diskussion über das Thema. Noch vor wenigen Jahren durfte Mann Sexualität in der Ehe unbestraft einfordern, ein Verweigern galt als Scheidungsgrund. Keine Ahnung, wie die heutzutage die rechtliche Situation in Italien ist - ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Regeln der Kirche nach wie vor einen grossen Einfluss auf die Gesetze des Staates haben.

Irgendwann wird er vielleicht einem hübschen Mädchen begegnen, sie einem heissen Latin Lover. Werden Sexualität erleben, wie sie es bei ihren Partnern nicht mehr haben. Werden am Morgen danach wieder am Frühstückstisch sitzen, sich angeifern, vielleicht sogar ihren eigenen Weg gehen. Es wird heissen, sie hätte ihn ihr weggenommen. Oder er sie ihm. Niemand wird fragen, wie ihre Beziehung davor ausgesehen hat, wie sie sich darin gefühlt haben. Am allerwenigsten die Beiden sich selbst.

Sie werden sich wohl auch in die neue Beziehung stürzen und ihren alten Partner als böse bezeichnen. Er, Sie, war an allem Schuld. Wie war das? Sex findet vor allem im Kopf statt? Das würde ja heissen, dass ich selbst für meine Emotionen, meine Lust und mein Erleben verantwortlich bin. Ich kann das nicht meinem Partner delegieren. Auch die gefühlten 1000 Stellungen des Kamasutras oder die guten Tipps der Paartherapeuten können nichts helfen, wenn ich meinen eigenen Psychomüll mit mir herumtrage und meinem Erleben im Wege stehe.

Aber eben, man macht es so. Frau legt sich hin, Mann penetriert. Sie bekommt dafür ein Stück Sicherheit, er körperliche Befriedigung. Ist es vermessen da zu schreiben, viele Frauen würden sich prostituieren? Ob es nun für Geld in der Tasche ist - was nichts anderes als Sicherheit bedeutet - oder das Gefühl von Sicherheit - so gross ist der Unterschied eigentlich gar nicht.

Gegen Mitternacht hatte auch ich genug kühl in meinem Zimmer, dass ich meine philosophischen Gedanken beiseiteschob und wegkippte.

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