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Kaufrausch

Samstag, 24. Dezember, Mittagszeit. Gemäss VISA die umsatzstärkste Stunde im Jahr, 1200 Transaktionen pro Sekunde alleine in der Schweiz. Ich schlendere durch die Menge, die Kamera baumelt am rechten Handgelenk. Für mich ist es ein Stück Vergangenheitsbewältigung, stand ich selbst doch vor 23 Jahren an einem Samstag, dem 24. Dezember an der Front und erlebte die Leute auf ihrer Einkaufstour. Für mich war dieser Tag das Ende der Weihnachtsgefühle meiner Kindheit, der Abend in der Familie so fremd, so unwahr im Vergleich zu dem, was ich den Tag über erlebte. An einen Kunden erinnere ich mich noch heute: Eine Kamera für meinen Neffen. 2000.- Franken soll sie kosten, bitte einpacken. Keine Diskussion, was der Neffe fotografiert. Keine Freude in den Augen des Schenkers. Auf jegliche Nachfrage kam das 2000.- Franken, bitte einpacken.

Ich sehe in die Gesichter der Menschen. Viele schon hübsch angezogen, Anzug, Deux Piece, Strümpfe, Lackschuhe. Aufgebrezelt für den Abend. Kein Lächeln. Angespannte Gesichter, gehetztes Gehen. Viele bepackt mit Säcken bekannter Warenhäuser, da und dort jemand mit einer Bratwurst, um noch etwas Energie für den grossen Run zu tanken. Ich verfluche meine Scham, die verhindert, wildfremden Menschen direkt ins Gesicht zu fotografieren.

Durchgefrohren gehe ich in den nächsten Starbucks, bestelle einen Kaffee und einen Zvieri. Die Baristas sind mies drauf, sie reagieren nicht mehr auf ein Lächeln. Einen Tisch weiter sitzt eine ältere Schwarze, schon ziemlich betrunken. Erzählt ihrer Nachbarin von der Reise aus der Karibik nach London. Viele Jahre muss ihr Weg schon sein, irgendwann muss sie in der Schweiz gestrandet sein. Denglisch erzählt sie mir von der grossen Freude, die sie in Gott gefunden hat. Als ich gehe folge ich ihrem Wunsch und drücke ihr die Hand.

Bei meiner Mutter zuhause dekorieren die Kids einen Baum, es gibt etwas zu Essen, wir zünden die Kerzen an. In der Stille kommt ein friedliches Gefühl, ein bisschen Weihnachten. Einmal mehr erkenne ich fasziniert, wie mich das Fotografieren verändert. Mir eine innere Ruhe gibt, die ich an keinem anderen Ort gefunden habe.

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