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Flitterwochen

Samstag, Mitte Januar, draussen rieselt etwas Schnee und erinnert an den Winter, der eigentlich sein sollte. Vor anderthalb Monaten war ich voller Vorfreude, jetzt ein paar Freitage zu machen - stattdessen babysitte ich einen Stapel Benchmarks und bin permanent auf dem Sprung ins Büro. Wenn schon körperlich nicht in den Ferien, dann wenigstens neben den Terminals voller Output und dem gigantischen Excel Sheet ein paar Dias in den Scanner werfen.

September 1994. Eingeklemmt zwischen Hochzeit und Photokina machen Nala und ich drei Wochen Ferien. So ganz richtige Ferien, mit dem Flieger auf eine Insel und Uebernachtungen im Hotel - ein ganz seltenes Erlebnis, das wir nur noch einmal wiederholen werden. Zwei Kameras sind mit dabei, wir belichten ein Dutzend Filme (entsprechend das Chaos in den Magazinen, Digitalkameras mit EXIF Infos sind definitiv ein Segen ;-) ). Als ich mir Abends gegen elf die Bilder angucke, finde ich einen einmaligen Moment - irgendwo in den Bergen von Gran Canaria fotografiert Beat Nala und Nala Beat:

Linkes Bild Pentax SFX, AF 35-70, rechtes Bild Pentax ME, A 35-105, beide Bilder Agfachrome Professional RS200

Bilder scannen hat etwas Meditatives. Den Scanner mit vier Dias bestücken, Scansoftware starten, zweieinhalb Minuten warten. Zeit zum gedanklichen Abschweifen, für Erinnerungen an Begebenheiten, die damit verbundene Gefühle. Die Hochzeit war vorbei, der Stress im Büro davor weit weg (ich hatte noch kein Handy, mein damaliger Chef in heller Aufregung), mein Einsatz an der Front während der Photokina noch vor mir. Die permanente Angst vor der verwüsteten Wohnung (ein Brauch in der Familie von Nala, enstprechende Andeutungen ihrer Verwandten belasteten sie die ganze Zeit). Unser gemeinsames Unwohlsein in unserer Reisegruppe voller verknallter Päärchen, die regelmässige Flucht ins Hinterland, weg vom Rummel in die Stille. Die Fahrten über Strassen durchs Niemandsland, schroffe Abbrüche, das flaue Gefühl des ständig drohenden Absturzes im Magen. Die seltenen Momente der Entspannung, in denen der Alltag weit weg ist.

Bilder aus 20, 25 Jahren Distanz zu betrachten fällt teilweise schwer, vor allem Bilder von mir (vorsicht, zweideutig :-) ). Ich bin immer wieder erstaunt darüber, welch üble Fotos ich mehrheitlich gemacht habe, wie lausig eigentlich meine Ausrüstung damals war. Darunter sicherlich einige Perlen - ich merke jedoch gut, dass die Erfahrung der vergangenen sechs Jahre Flatrate Fotografie mich enorm weitergebracht hat, wie qualitativ hochstehend heutige Kameras und Linsen verglichen mit früher war alles besser eigentlich sind.

Dann und wann sehe ich ein Foto mit mir drauf, betrachte den Kerl auf den Bildern - ja, er gleicht mir, ich erkenne mich wieder. Gleichzeitig erschreckt mich die Naivität, die ich damals mit mir trug, den Glauben an die Werte, Verhaltensweisen und Rituale meiner Sozialisierung. Die Unkenntnis über die Menschen um mich herum, ihre Motivationen, ihre Gefühle. Ich sehe, wie wenig ich selbst über das Leben wusste und gleichzeitig der Ueberzeugung war, dass mir die Welt gehört. Grusel :-) Da will ich nicht mehr hin, älter sein hat definitiv etwas für sich, dass ich nicht missen möchte. Da nehme ich die grauen Haare und schmerzenden Gelenke noch so gerne hin.

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